| von Dr. Peter Mergler
Gegen das Vergessen: Online-Gespräch mit der Holocaust-Zeitzeugin Ruth Melcer
In diesem Jahr jährt sich die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz zum 81. Mal. Auschwitz steht wie kein anderer Ort für den industriell betriebenen Massenmord der Nationalsozialisten an Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma sowie an vielen weiteren Verfolgten. Der 27. Januar ist deshalb kein Feiertag im üblichen Sinn. Er ist ein DenkTag: Gedenken und Nachdenken über die Vergangenheit geben Orientierung für die Zukunft. Die beste Versicherung gegen Völkerhass, Totalitarismus, Faschismus und Nationalsozialismus bleibt die Erinnerung und die aktive Auseinandersetzung mit der Geschichte.
Vor diesem Hintergrund nahmen Schülerinnen und Schüler der Freiherr-vom-Stein-Schule am 27. Januar von 10:00 bis 11:00 Uhr an der bundesweiten Online-Veranstaltung „Zeugin ihrer Zeit – Online-Gespräch mit Ruth Melcer für Schulklassen“ teil. Deutschlandweit waren nach Angaben der Veranstalter rund 5100 Schülerinnen und Schüler zugeschaltet. An unserer Schule erfolgte die Teilnahme im Rahmen einer fächerübergreifenden Kooperation zwischen dem Ethikkurs von Clemens Hacker (Jahrgangsstufe 10) und dem Evangelischen Religionskurs der Jahrgangsstufe 10 von Dr. Peter Mergler. Da der Präsenzunterricht aufgrund der Witterungsverhältnisse in gemeinsamer Absprache mit den Schulträgern ausfallen musste, verfolgten die Lernenden die Veranstaltung im Distanzunterricht.
Die Online-Veranstaltung war als Interview angelegt und basierte auf Fragen, die Schülerinnen und Schüler im Vorfeld eingereicht hatten. Veranstaltet wurde sie in Kooperation mit der Friedrich-Ebert-Stiftung, der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz, der Stiftung Demokratie Saarland, der DGB-Jugend Rheinland-Pfalz / Saarland, dem Verein „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ sowie dem NS-Dokumentationszentrum München und dem Bereich Public History im Kulturreferat der Landeshauptstadt München.
Ruth Melcer, geborene Ryta Cukierman (1935 in Tomaszów Mazowiecki, Polen), berichtete eindrücklich von ihrer Kindheit und ihrem Überleben des Holocaust. Mit vier Jahren kam sie ins Ghetto Tomaszów Mazowiecki, später in das Arbeitslager Blizyn und 1944 nach Auschwitz. Dort wurde sie von ihrer Familie getrennt. Ihr Bruder wurde ermordet, ihre Mutter nach Ravensbrück deportiert. Ruth Melcer überlebte nur durch die Hilfe einer Kapo und einer SS-Aufseherin, die sie versteckten und mitnahmen, sodass sie der Selektion durch Josef Mengele entging.
Nach der Befreiung 1945 kehrte sie zunächst mit ihrer Mutter in ihre Heimatstadt zurück. Antisemitische Übergriffe, insbesondere nach dem Pogrom von Kielce 1946, zwangen die Familie jedoch erneut zur Flucht. Über Stationen in Berlin kam Ruth Melcer schließlich nach München. Dort besuchte sie eine jüdische Schule, wanderte zeitweise nach Israel aus und kehrte 1954 nach München zurück. Sie gründete eine Familie, bekam drei Kinder und engagiert sich bis heute als Zeitzeugin für die Erinnerung an den Holocaust.
Für die Schülerinnen und Schüler der Freiherr-vom-Stein-Schule war dieses Gespräch eine eindrückliche und emotionale Begegnung mit Geschichte. Es machte deutlich, dass Erinnerung keine abstrakte Pflicht ist, sondern ein aktiver Beitrag zur Verantwortung für Gegenwart und Zukunft.
Bild von Waldo Miguez (von der Plattform Pixabay)



