| von Dr. Peter Mergler
„Nie gefragt – nie erzählt: Wenn Schweigen zu Geschichte wird“
Zeitzeugenprojekt an der Freiherr-vom-Stein-Schule in Kooperation mit der Katholischen Akademie Fulda und der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung gibt bewegende Einblicke in Familiengeschichten von Holocaust-Überlebenden
In Kooperation mit der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung ist es der Katholischen Akademie Fulda gelungen, die Lesung und Gesprächsforum „Nie gefragt – nie erzählt“ an die Freiherr-vom-Stein-Schule zu holen. Grundlage der Veranstaltung war das gleichnamige Buch von Hans Riebsamen und Rafael Herlich, das sich mit den vererbten Traumata in den Familien von Holocaust-Überlebenden beschäftigt. Ziel war es, die Auswirkungen des Schweigens und der unausgesprochenen Lasten über Generationen hinweg sichtbar zu machen.

Nach der Begrüßung stellte Herr Dr. Mergler, Fachbereichsleiter für den gesellschaftswissenschaftlichen Bereich der Europaschule, die Gäste vor: den Journalisten Hans Riebsamen, der die Familiengeschichten recherchiert und aufgearbeitet hat, sowie den Fotografen Rafael Herlich, der seit Jahrzehnten das jüdische Leben in Deutschland dokumentiert. Ebenfalls anwesend war die Autorin Barbara Bišický-Ehrlich, Tochter tschechisch-jüdischer Emigranten, die in ihren eigenen Büchern die Nachwirkungen der Traumata ihrer Familie beschreibt. Im nachfolgenden Gespräch übernahm Frau Schmidt von der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung die Moderation.
Ein einführender Kurzfilm von Rafael Herlich leitete thematisch ein und verdeutlichte, dass die Spuren des Holocaust bis heute in den Familien der Betroffenen nachwirken.
Einen besonderen Moment erlebte das Publikum, als die Schülerinnen Amelie Haag und Hanna Heimroth daraufhin das Porträt von Rafael Herlich vorlasen. Darin wurde nicht nur sein beruflicher Werdegang als Fotograf sichtbar, sondern vor allem seine persönliche Familiengeschichte. Die Erzählung schilderte seine überraschende Begegnung mit einem bislang unbekannten Halbbruder und die langjährige Suche nach den eigenen Wurzeln. Im Mittelpunkt stand die Erfahrung mit seinem Vater Emanuel Herlich, der als Überlebender der Konzentrationslager das Erlebte nie wirklich verarbeiten konnte. „Mein Vater ist nicht Holocaust-Überlebender, er ist immer im Holocaust geblieben“, fasste Rafael Herlich das Schweigen und die innere Zerrissenheit seines Vaters zusammen.
Im anschließenden Gespräch mit den Schülerinnen und Schülern wurde deutlich, wie sehr diese Familiengeschichte auch ihn selbst geprägt hat. Er berichtete, dass er ursprünglich nicht geplant hatte, nach Deutschland zu kommen. Erst mit 18 Jahren nahm sein Vater Kontakt zu ihm auf – ein Vater, den er kaum verstand, da dieser einerseits kein Hebräisch konnte, Herlich andererseits aber kein Deutsch sprach. Später erfuhr er durch Verwandte, dass sein Vater im Holocaust seine spätere Frau und sein Kind verloren hatte. Beide wurden vor den Augen seines Vater erschossen. Ein Trauma, das ihn nie losließ.
Auf die Frage, wie er dennoch in Deutschland Fuß gefasst habe, erklärte Herlich, dass er durch seine Arbeit zeigen wolle, dass es in Deutschland „stolze, selbstbewusste Juden“ gebe. Viele Menschen hätten nie direkten Kontakt zu Juden gehabt, weshalb er mit seinen Ausstellungen bewusst jüdisches Leben sichtbar mache. Besorgt äußerte er sich zudem über eine immer noch vorhandene Holocaust-Leugnung und das Erstarken antisemitischer Strömungen. Eine Partei könne sich nicht damit rechtfertigen, ungefährlich zu sein, nur weil auch jüdische Mitglieder in ihren Reihen seien: „Wo Musik spielt, kann trotzdem Gefahr sein. Als Mensch wünsche ich mir Solidarität! Wenn ihr denkt, dass Unrecht passiert, lasst uns zusammen aufstehen und zusammenhalten.“
Gemeinsam mit Barbara Bišický-Ehrlich unterstrich er die Bedeutung von Zivilcourage. Bišický-Ehrlich ergänzte: „Heute scheint gelegentlich in Schulen ein gängiges Schimpfwort ‚Jude‘ zu sein – dagegen müssen wir einschreiten. Nicht nur, wenn es Juden betrifft, sondern immer. Wir können die große Politik nicht verändern, aber wenn wir im Kleinen handeln, schauen andere Menschen hin und machen es nach.“
Im weiteren Verlauf der Veranstaltung trugen die Schülerin Mia Henning und der Schüler Steffen Rüb einen Text von Barbara Bišický-Ehrlich vor. Die 1974 in Frankfurt am Main geborene Autorin arbeitet heute als Studiosprecherin, leitet Kindertheatergruppen in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und engagiert sich in der jüdischen Frauenorganisation WIZO. Ihr Debütroman „Sag’, dass es dir gut geht“ erschien 2018, ihr zweites Buch „Der Rabbiner ohne Schuh. Kuriositäten aus meinem fast koscheren Leben“ folgte 2022.
Die Lesung machte deutlich, wie vielfältig Traumata in den nachfolgenden Generationen weiterwirken. Während einige Familienmitglieder – etwa Barbaras Großmutter Helenka, die Auschwitz und Theresienstadt überlebte – in Menschlichkeit und Toleranz verwurzelt blieben, litten andere unter Ängsten, Albträumen und emotionaler Distanz. Diese widersprüchlichen Erfahrungen prägten Barbaras Kindheit und ihr Selbstverständnis.
Im anschließenden Gespräch beantwortete Barbara Bišický-Ehrlich die Fragen der Schülerinnen und Schüler. Auf die Frage, ob man sich von dieser Angst befreien könne, erklärte sie: „Jeden Tag habe ich mit vielen Vorurteilen in meinem Leben zu kämpfen, aber man muss sich ihnen stellen, um sie über Bord werfen zu können.“ Sie machte deutlich, dass ihre Familie seit Generationen verfolgt worden sei, dass 90 % ihrer Angehörigen im Holocaust ermordet wurden – und dass gerade deshalb die Bilder von Hochzeiten, Bar-Mizwas oder Jubiläen, die Rafael Herlich fotografisch festgehalten habe, ein „Wunder“ seien: Zeugnisse jüdischen Lebens, das es nach der Shoa eigentlich nicht mehr geben dürfte.
Auf die Frage nach antisemitischen Erfahrungen erzählte sie, dass sie als Jugendliche kaum direkt betroffen war, höchstens durch Bemerkungen wie „Was, du bist Jüdin? Siehst gar nicht so aus!“ Heute jedoch erlebe sie, wie gefährlich Worte werden können, weil sie immer in Taten münden. Sie berichtete von Hakenkreuzen im Wohnhausflur ihres Sohnes und davon, dass andere im Hinblick auf ihre Tochter gewarnt wurden: „Pass auf, die ist Jüdin, die ist gefährlich!“
Ein Schüler fragte nach der Weitergabe von Traditionen. Bišický-Ehrlich betonte die Bedeutung von Familiengeschichten: Jede und jeder habe erzählenswerte Geschichten der Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern. Sie selbst lebe nicht streng religiös, halte aber kleine jüdische Traditionen aufrecht, etwa das Feiern von Festtagen, die die Familie zusammenhalten und Gemeinschaft fördern.
Besonders eindrücklich war die Frage, ob auch die Nachkommen als Opfer zu betrachten seien. Dazu sagte sie klar: „Wir sind Nachkommen von Opfern, aber wir selbst wollen nie wieder Opfer sein.“ Gerade im Blick auf den wachsenden Antisemitismus, so ihre Mahnung, müsse das Bewusstsein für die Gefahren von Ausgrenzung und Hass ständig neu geschärft werden.
Im dritten Teil der Veranstaltung lasen die Schülerinnen Parys Tchoffo Tchinda, Leni Hillenbrand und Tarja Schäfer aus dem bewegenden Porträt von Aviva Goldschmidt vor: Die 1938 im polnischen Boryslaw geborene Zeitzeugin überlebte als Kind nur, weil sie sich gemeinsam mit ihrer Mutter über Jahre hinweg in wechselnden Verstecken verborgen hielt. „Du darfst nicht lachen, du darfst nicht sprechen“ – mit diesen Worten prägte die Mutter ihrer Tochter das Überlebensgebot ein. Noch lange nach der Befreiung konnte Aviva nur flüstern, so sehr hatte sich die Angst vor Entdeckung in ihr festgesetzt. Erst Jahrzehnte später begann sie, über ihr Schicksal zu sprechen. Ein Wendepunkt war das Interview mit der von Steven Spielberg gegründeten Shoa Foundation, bei dem sie erstmals öffentlich ihre ganze Geschichte erzählte. Heute tritt sie als Zeitzeugin auf und vermittelt besonders jungen Menschen eindrücklich, was die nationalsozialistische Verfolgung bedeutet hat.
An die Lesung schloss sich der Bericht von Hans Riebsamen an, der im Buch „Nie gefragt – nie erzählt“ zahlreiche Familiengeschichten gesammelt hat. Er machte deutlich, wie weit verbreitet das Schweigen in Holocaust-Familien war und wie unterschiedlich die Gründe dafür sein konnten. Viele Überlebende hätten nach dem Krieg die Erinnerungen an das Grauen bewusst verdrängt, weil sie nur so ein neues Leben aufbauen konnten. Andere hätten aus Scham geschwiegen, eine Scham, die nicht rational erklärbar sei, sondern eher mit dem Gefühl vieler Vergewaltigungsopfer zu vergleichen sei. Wieder andere hätten geschwiegen, um ihre Kinder zu schonen und ihnen eine unbeschwerte Kindheit zu ermöglichen. Doch auch die Kinder hätten das Schweigen gespürt, häufig geahnt, aber nicht nachgefragt, um ihre Eltern nicht mit den alten Wunden zu konfrontieren.
Riebsamen betonte, dass dieses Schweigen nicht immer ein Leben lang anhielt. In vielen Familien sei irgendwann doch gesprochen worden, manchmal erst sehr spät, wenn die eigene Lebenszeit sich dem Ende zuneigte. So sei es möglich geworden, die Geschichten für das Buch zu sammeln. Wichtig sei dabei gewesen, dass die Angehörigen stets die Oberhoheit über die Texte behielten, um sicherzustellen, dass ihre Erzählungen in einer Form wiedergegeben wurden, die sie selbst tragen konnten.
Mit dieser Lesung und dem anschließenden Gespräch wurde den gut 80 anwesenden Schülerinnen und Schülern der E-Phase eindringlich vor Augen geführt, wie stark das Schweigen ganze Generationen geprägt hat. Gerade deshalb zeigte sich, wie notwendig es ist, Räume zu schaffen, in denen das lange Verborgene zur Sprache kommen kann.
Die Veranstaltung „Nie gefragt – nie erzählt“ hat sich in jeder Hinsicht gelohnt. Sie hat den Schülerinnen und Schülern nicht nur historische Fakten vermittelt, sondern vor allem tiefe Einblicke in persönliche Schicksale und die bis heute nachwirkenden Traumata eröffnet. Durch die Lesungen, die Gespräche mit Rafael Herlich und Barbara Bišický-Ehrlich sowie die eindrücklichen Schilderungen von Hans Riebsamen wurde deutlich, wie sehr Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbunden sind und wie wichtig es bleibt, über das Unsagbare zu sprechen.
Ein besonderer Dank gilt allen Beteiligten – den Gästen, den Schülerinnen und Schülern, die mit ihren Lesungen der Geschichte eine Stimme gaben, und allen, die diese Begegnung organisatorisch möglich gemacht haben. Sie alle haben dazu beigetragen, dass diese Veranstaltung zu einem eindringlichen Erlebnis wurde, das noch lange nachwirken wird.